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Rubrik Gesellschaft

Vier Tage Ferienkommunismus


(JPEG) Beim Fusion-Festival proben alljährlich Musiker, Artisten und solche, die es werden wollen, den kollektiven Ausnahmezustand. polar erzählt von einem Wochenende zwischen Kunst, Klamauk, Koks und Klubkultur.

von Nele Jensch und Stefanie Golla

„Wir stehen an der Ecke Ho-Chi-Minh-Pfad und Karl-Marx-Allee!“ ruft ein um Orientierungshilfe bemühter Festival-Besucher in sein Handy. Hinter ihm flattert die rote Fahne im Wind wie in den besten Zeiten der UdSSR. Die früheren Betreiber wären sicherlich nicht unglücklich über die heutige Nutzung des ehemaligen russischen Militärflugplatzes Lärz.

Jedes Jahr Ende Juni treffen sich im Niemandsland zwischen Hamburg und Berlin Freidenker aus aller Herren Länder, um ihren Traum einer selbstkonstruierten Parallelgesellschaft auszuleben, in einem wilden Mix aus Politik und Kultur - wenigstens für vier Tage. Ein Utopia auf Zeit, wie es im Lehrbuch nicht besser funktionieren könnte.

Kulturkosmonauten on tour

(JPEG) „Die Tankstelle für die Seele im Kampf gegen den alltäglichen Wahnsinn“ will die Fusion nach Veranstalterangaben sein - und wer sich den hämmernden Beats von fünf großen Zeltbühnen hingibt, erlebt am eigenen Leibe, dass eine andere Welt tatsächlich möglich ist. 1996 als Gegenentwurf zur kommerziellen Festivalkultur gegründet, verwandelt die Fusion seitdem mithilfe von rund 20.000 „Kulturkosmonauten“, wie sich die Festivalbesucher gerne bezeichnen, die Kuhwiesen rund um Neustrelitz in ein El Dorado von elektronischer Musik aller Spielarten, Theater und Live-Performances - und zwar politisch und ökologisch korrekt bitte.

Deshalb ist das gesamte Gelände werbefrei, auf Großsponsoren wird verzichtet und die Bands sind größtenteils nur in Insiderkreisen bekannt. Im Gegensatz zu manch anderem Festival ist der Eintrittspreis überaus human: Zwischen 20 und 40 Euro kostet es, den Kapitalismus zu verlassen. Für wen selbst das zu viel ist, der kann sich beim „Arbeitsamt“ melden und mittels Ausschenken an einer der zahllosen Bars oder Kinderschminken sein Budget aufbessern.

(JPEG) Auf der „Fressmeile“ locken kleine Buden mit Gerichten aus aller Welt. Der ein oder andere Fleisch-Fanatiker muss allerdings ernüchternde Erfahrungen in Kauf nehmen. „Ich hätte gerne Sushi, aber nur den Fisch!“, bestellt ein verstrahlter Trancefloor-Gänger beim Asia-Imbiss. Und erntet betretene Blicke, denn auf der Fusion ist Fleisch sozusagen illegal.

Karneval der Sinne

(JPEG) Mit viel Kreativität waren die Festivalgestalter am Werk. Ein mit Metallplatten zum Gürteltier umgestaltetes Auto bahnt sich im Schritttempo einen Weg über das Gelände, vorbei an einer riesenhaften, halb in den Boden eingelassenen Drachen-Skulptur. Jedes Schild, auch wenn es sich um einen Wegweiser zum nächsten Dixiklo handelt, ist liebevoll handgemalt und es findet sich kein Baum, in dem nicht bunte Bänder wehen würden.

Auf einem der ehemaligen Hangar, in deren Inneren die Musik tobt, ragt eine Rakete in den bewölkten Himmel, das Wahrzeichen der Fusion, auf der sich tatsächlich alles und jeder permanent kurz vorm Abheben befindet: Muttis ausrangierte Couch wurde kurzerhand zur Schaukel umfunktioniert und schwingt jubelnde Party-Überflieger durch die Luft.

(JPEG) Zum Anschubsen findet sich immer ein solidarisch Gesinnter bereit. Ob Zelt-, Selbst- oder Drogenfindung: Frag die Nachbarn oder „Check the box“! So der Aufruf, der vom Trance-Floor an die vibrierenden Trommelfelle der tobenden Masse dringt. Menschen mit Mützen, an denen Hasenohren aus Plüsch schlackern, hüpfen wie Bugs Bunny auf MDMA durch die Menge, tollwütige Tänzer schleudern ihre zuckenden Glieder ohne Rücksicht auf Verluste in alle Richtungen.

„Freiheit nervt — ignoriert uns!“

(JPEG) Ein Schauspiel ganz anderer Art präsentiert sich direkt nebenan: Auf Stelzen schreitende Globalisierungsmumien tragen eine misshandelte Weltkugel symbolisch zu Grabe. Verächtlich fauchen sie den ebenso verängstigt wie fasziniert Zuschauenden ihre grauenhafte Botschaft ins Gesicht: Wenn es so weiter geht, passiert mit der wirklichen Welt das gleiche.

Langsam nähert sich der Zug dem Fusion-Kino, in dem unabhängige Reportagen über die G8-Gipfel-Proteste gezeigt werden, mit denen man sich solidarisiert. Es ist so voll, dass viele nicht mal mehr einen Stehplatz bekommen. Good night G8 war gestern, hier wird die Kritik an der Politik der Gipfelstaaten erneut ins Gedächtnis gerufen.

(JPEG) „Freiheit nervt“, steht auf einem Schild, dass sich eine Festivalbesucherin um den Hals gehängt hat. Und auf dem Rücken: „Ignoriert uns.“ Was allerdings ein Verlust wäre, denn auch die Festivalteilnehmer beweisen ein hohes Maß an Einfallsreichtum. Exemplarisch verdeutlichen lässt sich das an der Gummistiefelgestaltung, die in allen möglichen Facetten zu bewundern ist: Schicke weiße mit kleiner Schnalle, sozusagen das Ausgeh-Modell für modebewusste Großstädter, derbe dunkelgrüne vom heimatlichen Bauernhof, kreativ Selbstbemalte, Gummistiefel mit geschnürtem Dekollete, H&M-Modelle mit aktuell angesagtem Pünktchen-Muster in Grün und Lila. Wer seine vergessen hat, schmiedet nach zwei Tagen im kniehohen Schlamm Pläne zum baldigen, notfalls auch gewaltsamen Erwerb — aber Gewalt erzeugt ja bekanntlich Gegengewalt, und darauf fährt hier keiner ab.

Saloppe Subkultur

(JPEG) Angesichts der für gewöhnlich desaströsen Kombination von Alkohol, Drogen, lauter Musik und äußerst begrenzter Privatsphäre ist die friedliche Stimmung geradezu erstaunlich. Dunkle Erinnerungen an todgetrampelte Menschen in Roskilde oder auch nur an Festival-übliche Schlägereien zwischen weltanschaulich oder musikalisch feindlich Gesinnten in fortgeschrittenem Betrunkenheitsstadium finden keinen Platz im bunten Durcheinander der Fusion. Nach der Morgentoilette erkundigt man sich deshalb vorsorglich bei seinen Freunden, ob man „nicht irgendwie frauenfeindlich“ aussehe.

Die Fusionierenden sind tatsächlich extrem bemüht, einander bei aller Freiheit nicht zu sehr auf die Nerven zu gehen. Von Antifa-Mitgliedern über Fotographiestudenten bis zu Althippies und Kleinkindern tobt sich jeder nach Lust und Laune aus. „Was sie vereint, ist die Freiheit, sein zu können wie sie sein wollen: Zwanglos und unkontrolliert“, schreiben die Veranstalter auf der offiziellen Website. Spielplätze gibt es zum Glück genug.

(JPEG) Noch am Montagmorgen weigern sich die letzten Verbliebenen, in die Realität zurückzukehren. „Soll ich zuerst die Firma anrufen, um mich krank zu melden, und dann Acid nehmen oder lieber andersrum?“ Nach vier Tagen Festival weiß keiner mehr so genau, wo ihm der Kopf steht. Ein Vorbeigehender erkundigt sich, wie spät es jetzt an der Turmbühne sei. Auf jeden Fall Zeit, den Traum von der kreativen Spiel- und Spaßgesellschaft bis zum nächsten Jahr auf Eis zu legen und auf dem Dach vom Wohnmobil thronend einen standesgemäßen Auszug zu halten. Über die "Straße der Bedingungslosen Kapitulation".

Links

Offizielle Homepage des Fusion-Festivals

Bildgalerie von der Fusion 2006 bei Zeit-Online.de

Die "Globalisierungsmumien" auf youtube.com

Ein kleiner Überblick: Feuertänzer und der Salon de Baile auf youtube.com

Eindrücke von der Dubstation auf der Fusion bei youtube.com

Feuerwerk...bei youtube.com

"Art Man" bei der Fusion 2006 auf youtube.com

Stand: 16. Juli 2007

Meinung sagen


Kommentare

:
Es gibt dort auch ganz normale Leute die einen festen Job haben und Drogen nehmen. Sag mir mal bitte was daran nicht normal ist Drogen zu nehmen und jetzt komm mir bitte nicht mit irgentnem gesetzestext. Was ist überhaupt normal???


Transformer:
So ein Quatschl.... natürlich gibt es sehr viele leute die sich auf der fusion nur drogen geben und pausenlos abfeiern aber auch mindestens genauso viele die dort ohne drogen ihren spaß haben !


Manu:
Nicht umsonst legt die Fusion keinen wert auf Presse und mediale Präsenz. Netter, wenn auch etwas plumper Versuch, aber das Festival kann man einfach nicht erklären.


:
Was soll das denn? Wo warst Du denn? Hä? Auch wenn Du es Dir nicht vorstellen kannst, aber es gibt dort auch ganz normale Leute, die einen festen Job haben und die keine Drogen nehmen (auch weil sie vielleicht mit dem Auto sind).


Garfield:
Hach ja, bald ist es wieder soweit. Schöne Bilder, und gut beobachtet. :)


Salli:
sehr schöner artikel, bringt das gefühl super rüber ;-)


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