Rubrik Kultur

Ständig ausgestellt: Geschichte im Deutschen Historischen Museum


(JPEG) Bei seiner Gründung durch Helmut Kohl wurde hinter dem Deutschen Historischen Museum (DHM) noch ein "Amt für offizielle Geschichtsschreibung" vermutet. Die Sonderausstellungen im Pei-Bau haben einen anderen Eindruck hinterlassen. Jetzt wurde die Ständige Ausstellung eröffnet.

Von Katharina Sobottka

Seit Fertigstellung des Pei-Baus im Mai 2003 sahen über 1,5 Millionen Besucher die wechselnden Sonder-Ausstellungen oder nahmen die anderen Angebote des Museums wahr: Filme zur Geschichte und zur Geschichte des Films im Zeughauskino, wissenschaftliche Symposien, Vorträge und Konzerte. Dabei sind erstaunliche 40 bis 50 Prozent der Besucher unter 18 oder junge Erwachsene.

Die deutsche Geschichte chronologisch und in logischer Abfolge — nein. Die Ausstellungsmacher haben sich vielmehr an bestimmten Leitfragen orientiert, die zur Grundlage von Auswahl und Präsentation der Gegenstände wurden: Wer herrschte, wer gehorchte, wer leistete Widerstand? Woran glaubten die Menschen, wie deuteten sie die Welt? Wovon lebten die Leute?

Der Besucher erhält aber nicht nur einen guten Einblick in bestimmte Zeitabschnitte. Die Ausstellungsgegenstände sind nicht als "Bühneninszenierung", sondern in Gebrauchshöhe installiert. Dadurch ist man indirekt auch immer aufgefordert, einen Bezug zum Heute zu entdecken.

Die neue Ständige Ausstellung im Deutschen Historischen Museum ist in neun Epochen gegliedert. Vom 1. Jahrhundert vor Christus bis in die Gegenwart wird deutsche Geschichte durchgängig im europäischen Kontext dargestellt. Man kann die Exponate der Reihe nach "abschreiten", aber die interessante Art der Präsentation lädt dazu ein, sich treiben zu lassen.

Wer dabei ein wenig verloren geht, hält einfach Ausschau nach einem der 27 Meilensteine. Das sind Leuchtsäulen, auf denen die wichtigsten Daten und Fakten verzeichnet sind und die auf die Ausstellungsstücke in der unmittelbaren Umgebung hinweisen. Da die Meilensteine immer in Sichtweite zueinander stehen, kann man sich so auch gut durch die Ausstellung "hangeln".

Die Exponate werden ergänzt durch viele Multimedia-Anwendungen von der Multivision im Zeughaus-Kino über PC-Stationen bis zur Virtuellen Bibliothek mittelalterlicher Schriften (siehe unten).

Pünktlich zur Eröffnung der Ständigen Ausstellung wurde der Eintrittspreis leider auf 4 Euro angehoben, aber Menschen unter 18 haben freien Eintritt. Für alle kostenlos ist dagegen der Besuch im Internet-Museum: Über Fragen und Personen der Geschichte zwischen 1871 und 2003 kann man sich im LeMO informieren. Durchschnittlich 35.000 Website-Besucher tun das täglich.

Wechselbilder, Virtuelles und andere Impressionen

Die Ausstellung beginnt im ersten Stock und setzt sich im Erdgeschoss fort. Beim Wechsel zwischen den Stockwerken sollte man sich ein wenig Zeit lassen. In beiden Treppenaufgängen befindet sich an der Wand jeweils ein Vexierbild: Menschen kommen, Menschen verschwinden, zurück bleiben ihre Objekte, die sich dann in Museen wiederfinden. — Die Ausstellung beginnt mit Zeugnissen der Römer, Kelten und Germanen, z. B. eine römische Gesichtsmaske aus der Varusschlacht. Aber schon nach wenigen Metern ist man im Mittelalter.

Die wunderbaren Handschriften des Mittelalters — hinter Glas, schön, aber wer hat sich nicht schon einmal gewünscht, in so einem Folianten zu blättern? In der Virtuellen Bibliothek ist das möglich! Der haptische Eindruck fehlt leider: Man kann das Pergament nicht anfassen, sondern nur mit der Maus durch z. B. die Goldene Bulle blättern.

Aber dafür haben die PC-Anwendungen andere Vorzüge: Es gibt sowohl Transkription (d. h. die wunderschönen Buchstaben werden so angezeigt, dass wir Heutigen sie nicht nur bewundern, sondern auch lesen können) als auch Übersetzung (falls das Schullatein nicht reicht). Lesen konnte damals aber noch längst nicht jeder, deswegen gibt es auch einen mittelalterlichen "Comic" zu entdecken: Kaiser Heinrichs Romfahrt.

An einer Hörstation kann man sich Texte auf Alt-, Mittel- und Frühneuhochdeutsch vorlesen lassen, beispielsweise die "Merseburger Zaubersprüche". Sehr beliebt war der Liebeszauber. Vielleicht wirkt der Spruch ja auch heute...

(JPEG) An einer anderen aufwändigen Station wird erklärt, wie sich eine Stadtgründung vollzog. Fast alle deutschen Städte wurden vor 1500 gegründet! Und nach Verwüstungen und Kriegen wieder aufgebaut. À propos Verwüstung: Neben den Bildern der Reichen und Mächtigen, die ihre Zeit prägten, gibt es auch immer Informationen über das Leben der "einfachen" Leute. Zum Beispiel ein erschreckend realistisches Bild von Sebastian Vrancx: Soldaten plündern einen Bauerhof im Dreißigjährigen Krieg (1620).

An verschiedenen Stellen der Ausstellung wird deutlich, mit welcher Selbstverständlichkeit Juden und Christen über Jahrhunderte hinweg nebeneinander gelebt haben. Nebeneinander, fast nie miteinander.

Nach 1871

Berlin war schon 1871-1912 eindeutig rot-grün! Das ist einer Übersicht über die Vertretung der Parteien im Reichstag zu entnehmen. Allerdings stand grün damals für die "Fortschritts-Freis. Volkspartei".

(JPEG) Die Militär- und Kriegsbegeisterung der Menschen zur Kaiserzeit lässt sich an den winzigen Kinderuniformen und dem vielfältigen Kriegsspielzeug ablesen, mit dem schon kleinste Kinder in Richtung Krieg erzogen wurden. Überbleibsel des Krieges sind ebenfalls ausgestellt: Durchschossene Stahlhelme aus dem Ersten und aus dem Zweiten Weltkrieg Kriegsgeräte-Schrott mit stilechten Spinnweben (falls nicht eine Putzfrau übereifrig war).

Die parallele Entwicklung in den beiden deutschen Staaten wird auch parallel gezeigt. Nur dass die Mauer, die hier zwischen beiden Bereichen steht, erheblich durchlässiger ist. Die Objekte reichen vom Trabi bzw. VW Käfer bis zu einem Ost-West-Domino (in der zweiten Ebene), mit dem man spielerisch sein Wissen um die im Osten bzw. Westen üblichen Begriffe für diverse Alltagsgegenstände testen kann.

Der Museumsführer

Auch im Museumsführer (10 Euro, bei Amazon fünf Cent billiger) gibt es keine durchgängige Geschichtserzählung. Vielmehr wird eine Auswahl der mehr als 8.000 Exponaten der Ausstellung mit einem dazu passenden Geschichtsausschnitt präsentiert. Während man durch die Ausstellung geht, ist das Buch zwar eher hinderlich, aber zur "Nachbereitung" umso sinnvoller.

Denn irgendwie ist es gelungen, in dem Museumsführer gerade die Ausstellungsgegenstände zu vereinen, an denen man eher achtlos vorbeigegangen ist. Die Rezensentin hat beispielsweise die meisten Herrscherbildnisse einfach ignoriert, weil zu oft gesehen. Im Buch kann man zur Darstellung von Maria Theresia einen interessanten "Background" erfahren:

Als Maria Theresia nach dem Tode ihres Vaters 1740 den Thron besteigen wollte, so wie er das bestimmt hatte, brachen Bayern, Preußen und Frankreich den Österreichischen Erbfolgekrieg vom Zaun. Keine Frau auf einem europäischen Thron! 1745 wurde dann ihr Mann zum Kaiser gekrönt, regiert hat dennoch sie. — Wie nahezu entspannt wird dagegen heute auf so etwas reagiert: Nur ein paar englische Badebilder von Frau Merkel.

Stand: 15. Juli 2006

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