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Rubrik Campus

"Im Moment sind wir damit beschäftigt, zu überleben"


(JPEG) Am 4. Juli 2006 ist Professor Gernot Wersig gestorben. Im Dezember hatten wir mit ihm über die Zukunft des Publizistik-Instituts der FU-Berlin gesprochen.

Polar: An der FU-Berlin findet ein Warnstreik statt: Gegen Studiengebühren, gegen das Campus-Management und gegen die Bachelor- und Masterstudiengänge. Verstehen Sie die Forderungen der Studenten?

Gernot Wersig: Ich bin für Studiengebühren, weil was nichts kostet, ist nichts wert. Das Campus-Management-System ist eine Konsequenz der Einführung der Bachelorstudiengänge. Die Daten die hier anfallen, lassen sich manuell nicht mehr bewältigen. Die Studenten besitzen praktisch keine Wahlmöglichkeiten mehr. Wir müssen alles festschreiben, die Prüfungen, die Leistungspunkte, die Hausarbeiten. In diesem Prozess befinden wir uns gerade.

Polar: Viele Studierenden bemängeln die Arbeitsbedingungen an der Universität, wie schätzen Sie die Situation an Ihrem Fachbereich ein?

Gernot Wersig: Die Arbeitsbedingungen schreien zum Himmel - gerade an diesem Institut. Wir haben rund 2.700 Studenten. Denen stehen im Augenblick fünf arbeitsfähige Professoren gegenüber. Man kann sich leicht ausrechnen, was sich etwa in den Sprechstunden abspielt, wie lang die Wartezeiten sind, um einen Prüfungstermin zu bekommen. Proseminare mit 180 Teilnehmern sind keine Seltenheit. Diese Arbeitsbedingungen bessern sich nicht mit dem Bachelor, weil der Prüfungsaufwand ganz erheblich erweitert wird.

Polar: Droht der "gläserne Student" durch die Dichte an Eingaben, die das Campus-Management-System fordert?

Gernot Wersig: Der "gläserne Student" ist von den Studenten gewünscht. Sie wollen jederzeit bestätigt haben, was sie gerade an Leistungen erbracht haben. Also muss man es irgendwo verzeichnen.

Polar: Nicht alle Studenten wollen das.

Gernot Wersig: Studenten haben diese Nachweispflicht sicherlich gerichtlich erstritten. Juristisch erwirkte Ansprüche müssen umgesetzt werden, insofern wird es wohl zu "gläsernen Studenten" kommen. Bei den Studentenmassen, die wir haben, kommt aber keiner dazu, aus diesen Daten etwas herauszulesen.

Polar: Beim kürzlich von der Zeit vorgelegten CHE-Hochschul-Ranking schnitt die Publizistik in Lankwitz nicht gut ab. Wie wollen Sie den Fachbereich profilieren, damit sein Renommee wieder steigt?

Gernot Wersig: Im Augenblick sind wir damit beschäftigt zu überleben. Wenn uns das einigermaßen gelingt, wenn wir die vielen Studenten, die wir haben, einigermaßen ordentlich zum Studienabschluss bringen, dann wäre ich schon sehr froh. Wir bemühen uns jedes Semester, den Lehrbetrieb einigermaßen ordentlich aufrechtzuerhalten, dass wenigstens die Pflichtveranstaltungen angeboten werden. Uns fehlen derzeit vier Hochschullehrer, die in der Langzeitplanung ausgewiesen sind, also 50 Prozent. Diese Planung bis 2009 sieht den Abbau von zwei Professorenstellen von derzeit 10 auf 8 vor.

Polar: Wie steht es um die Berufungslisten für die vakanten Professuren?

Gernot Wersig: Zu den derzeit im Verfahren befindlichen drei Stellen ist zu sagen, dass der Ruf an Frau Raupp erteilt wurde. Sie bereitet sich jetzt auf die Verhandlungen vor. Die beiden anderen werden sich aus verschiedenen Gründen verzögern. Wir hoffen, dass zwei Professorenstellen zum Wintersemester des kommenden Jahres besetzt sind.

Polar: Wie wollen Sie das Profil des Hauses entwickeln?

Gernot Wersig: Das Profil machte sich schon immer an drei Schwerpunkten fest. Erstens: Publizistik und Kommunikationswissenschaft ist eine explizit sozialwissenschaftliche und somit empirische Wissenschaft. Zweitens versteht sich Publizistik und Kommunikationswissenschaft interdisziplinär. Neben geisteswissenschaftlichen Grundlagen und im weiteren Sinne sozialwissenschaftlichen Bezügen gehören auch Ökonomie und Recht dazu. Drittens wird ein Praxisbezug hergestellt.

Diese drei Schwerpunkte werden wir in voller Breite künftig nicht mehr aufrechterhalten können. Bei den künftig acht Professoren sind drei praxisorientierte sowie drei sozialwissenschaftliche Lehrstühle vorgesehen. Dann verbleiben nur noch zwei, die sich dann mit Ökonomie, Geschichte und Kultur befassen.

Polar: Wie kommt Ihr Haus voran mit der Einführung des Bachelor-Studiengangs?

Gernot Wersig: Der nahtlose Übergang vom Studium in die Praxis funktioniert oft nicht, weil die Praxis ihre eigenen Qualifikationsformen ausgebildet hat. In der Presse haben wir etwa das System des Volontariats, das in Redaktionen absolviert werden muss. Dazu passt eine verkürzte Grundqualifikation, dem sich etwa ein Volontariat anschließt, sehr gut.

Wir haben sehr früh, eigentlich zu früh für diese Universität, mit der Bachelor-Ausbildung begonnen. Unsere Bachelor-Ordnung passt inzwischen nicht in die Rechtslandschaft. Viele Studierende haben deshalb große Schwierigkeiten. Wir sind derzeit dabei, dies zu überarbeiten. Das wird mit sich bringen, dass wir in einer Übergangszeit auch noch unterschiedliche Bachelor-Studenten haben werden. Das macht das Studieren sicher nicht leichter und erfordert ziemlich viel Orientierungsvermögen. Dafür muss ich um Verständnis bitten.

Wir haben auch den einen oder anderen Fehler gemacht, aber wer macht das in diesen hektischen Zeiten nicht. Wir geben uns große Mühe, die Situation einigermaßen in den Griff zu bekommen. Das bedeutet aber auch, dass die Studenten mit einer ganzen Reihe von Umständen zurechtkommen werden müssen, die wir nicht ändern können.

Polar: Wann wird ein Masterstudium am Fachbereich angeboten?

Gernot Wersig: Wir haben schon ein Masterkonzept im Fachbereich verabschiedet. Es wurde bisher aber nicht ins weitere Verfahren gebracht, weil die Freie Universität Berlin noch eine Gesamtkonzeption für den Master entwickeln möchte. Davon wird dann abhängen, ob unser Master dazu passt. Ob wir überhaupt einen Master anbieten dürfen/sollen, wissen wir derzeit nicht.

Natürlich würde es sich anbieten, da wir eines der vier Institute in Deutschland sind - neben Mainz, München und Leipzig - die von ihrer Kapazität her beides anbieten können. Unsere Planungen gehen davon aus, dass der Masterstudiengang zum Wintersemester 2006/07 starten könnte.

Das Interview führte Christoph Nitz.

Nach schwerer Krankheit ist Professor Wersig am 4. Juli 2006 gestorben. In einem weiteren Artikel wird polar in der Juli-Ausgabe an ihn erinnern.

Stand: 15. Dezember 2005

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